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Der Chat beginnt am Donnerstag, 13.04.2017 um 15:00 Uhr. Sie können bereits jetzt Ihre Fragen stellen.
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Karin Müller, Bern Donnerstag, 13.04.2017, 15:02
Wie kann ich mein Kind schützen, dass ihr/ihm so etwas (Missbrauch) nicht passiert? Meine Schwester wurde in einer Privatschule nach dem Sportunterricht von einem Lehrer sexuell missbraucht - was können Eltern tun, damit sie frühzeitig reagieren können?
Cornelia Kazis
Sicher, stark und frei sind punkto Prävention wichtige Schlagworte. Bindungssichere, starke und selbstbestimmte Kinder haben ein kleineres Risiko, Opfer zu werden als andere Kinder. Wichtig ist, das Kinder den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen kennen und emotionskompetent sind. Sie müssen ausser "traurig" , "wütend" und "fröhlich" auch noch andere Gefühle benennen können. Besonders gemischte Gefühle sollten in der Familie immer wieder auch unter den Erwachsenen ein Thema sein und auch in Ordnung sein. Ambivalenztoleranz ist diesbezüglich ein wichtiges Fachwort. Grundsätzlich gilt: Kinder müssen nicht immer gehorchen!
Susanna Zehnder, Nussbaumen Donnerstag, 13.04.2017, 15:10
Grüezi Frau Kazis, warum fehlt Personen, die Kinder sexuell missbrauchen, die Fähigkeit, die Auswirkungen ihres Fehlverhaltens richtig einzuschätzen, insbesondere die gravierenden Folgen für die Kinder, die sie auch noch angeben gut fördern zu wollen? Im Beispiel von Herrn Jägge handelt es sich ja um eine Person, die ganz eindeutig viele Fähigkeiten im pädagogischen Bereich bewiesen hat. Wie ist diese Diskrepanz möglich?
Cornelia Kazis
Das ist eine Frage nach der Täterpersönlichkeit. In Täterfragen kenne ich mich weniger aus als in Belangen ,die die Opfer betreffen. Es gibt verschiedene Theorien und Meinungen dazu. Eine ist: Opfer, die selber nie die Gelegenheit bekommen haben, die selbst erlittenen Übergriffe anzusehen und zu bearbeiten haben ein höheres Risiko, selber später zu Tätern zu werden. Deswegen ist der Schweigensbruch so wichtig. Andere Fachmeinungen sprechen von pädophiler Prädisposition. Das heisst Menschen, meistens Männer kommen schon mit dieser sexuellen Präferenz auf die Welt. Längst nicht alle von ihnen werden später auch pädokriminell. Es ist wichtig , dass es Beratungsstellen gibt, die Hilfesuchende nicht sofort kriminalisieren. Welcher tätertyp Jürg Jegge ist kann ich nicht beurteilen. Grundsätzlich gilt. Die Täter sind keine Monster. Sie haben auch gute Seiten. Genau diese Doppelgesichtigkeit aber macht sie für Kinder besonders gefährlich.
Ibach, Reto, Wohlern Donnerstag, 13.04.2017, 15:16
Mich nimmt es wunder, warum man eine Alterszahl als Schutzalter nimmt. Es ist doch so, dass es 18 Jährige gibt, die noch nicht reif genug sind und die dann mit Personen, von denen sie abhängig sind, alles mitmachen. Umgekehrt gibt es auch 15 Jährige Personen, welche frühreif sind und man nicht erkennt, dass diese eigentlich noch Minderjährig sind. Gibt es hier nicht eine Diskrepanz? Müsste man das Schutzalter nicht anders auslegen?
Cornelia Kazis
Sie haben recht. Das ist individuell und kulturell sehr unterschiedlich. Trotzdem finde ich es sinnvoll das Schutzalter 16 ernst zu nehmen. Wichtig ist vor allem auch im Ausbeutungsbereich, dass der Altersunterschied von 8 Jahren eine wichtige Sache ist. Das heisst, dass ein 22 Jähriger, der mit einer 13 Jährigen ein sexuelles Verhältnis eingeht, sich strafbar macht. Der Grund ist einfach: Das Machtgefälle von über 8 Jahren in dieser Altersspanne ist gross. Die "Achtjahreregel" spielt selbstverständlich nach der Volljährigkeit keine Rolle mehr.
Andrea Jerger, Wetzikon Donnerstag, 13.04.2017, 15:24
Wie langen nach der Tat kann ich mich bei der Polizei melden? Oder wenn es schon lange vergangen ist, bringt es überhaut etwas? Denke auch an die Folgekosten von Therapie und so weiter. Alles bleibt am Opfer hängen
Cornelia Kazis
Die Verjährungsfrist ist eine komplexe Sache. Ihre Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Ob es "etwas bringt", würde ich mit einer Opferberatungsstelle besprechen. In Ihrem Fall ist das die nächste Adresse:http://www.opferhilfe.zh.ch/internet/justiz_inneres/opferhilfe/de/home.html
Susanna Zehnder, Nussbaumen Donnerstag, 13.04.2017, 15:34
Ist es tatsächlich so, dass zur Zeit der Übergriffe, niemand Verdacht geschöpft hat? Haben sich allenfalls Person im Umfeld von Herrn Jägge als Mitwisser und Mitwisserinnen schuldig gemacht?
Cornelia Kazis
Das kann gut sein. Dazu bräuchte es vertiefte Recherchen in diesem Fall. Die konnten in dieser kurzen Zeit nicht gemacht werden. Es ist aber leider so, dass sehr häufig weggeschaut wird, wenn es gälte hinzusehen. Das war auch lange Jahre in der renommierten hessischen Odenwaldschule so. Mit dem Resultat, dass zig mehr Kinder Opfer sexueller Gewalt wurden. Das Motto heisst. "Was ich nicht weiss, macht mir nicht heiss". Die Menschen ahnen: Wer Gewalttaten aufdecken will, hat einen Kraftakt voller Anfeindungen vor sich. Besonders wenn der Verdächtige ein Prominenter mit viel Prestige ist
Moritz Leu, Zürich Donnerstag, 13.04.2017, 15:42
Mich interessiert Ihr Verhältnis zu Jürg Jegge. Haben Sie sich früher in den Radiosendungen mit ihm gestritten, oder waren Sie auf derselben Linie?
Cornelia Kazis
Was heisst schon auf derselben Linie, Herr Leu? Ich war und bin Pädagogin und Fachredaktorin für Fragen aus diesem Feld. In diesem Zusammenhang war Jürg Jegge als Starautor natürlich ein paar Mal mein Interviewpartner für die damalige Sendung "Familienrat" auf DRS 1. Von Verhältnis kann da keine Rede sein. Ich war Interviewerin, er mein Interviewpartner. Gestritten habe ich mich nie sonderlich mit ihm. Sympathisch war mir sein Engagement für schwächere Schüler. Ich habe nie einen Verdacht geschöpft. Das ist auch darum verständlich, weil Anfang der 80er-Jahre die sexuelle Ausbeutung von Kindern in Institutionen kaum irgendwo ein Thema war.
Moritz Leu, Zürich Donnerstag, 13.04.2017, 15:43
Wieso wird Jürg Jegge unterstellt jahrelang Kinder und Jugendliche "sexuell missbraucht" zu haben? Gibt es neben Markus Zangger noch andere Personen die ihn beschuldigen und ist bekannt welchen Wahrheitsgehalt die Beschuldigungen haben?
Cornelia Kazis
Jürg Jegge hat am vergangenen Freitag öffentlich gestanden, an die 10 ( so genau weiss er es nicht mehr) Kinder zu Opfern sexueller Gewalt gemacht zu haben. Bei der Veröffentlichung des Buches von Markus Zangger waren dem Wörterseh Verlag vier andere "Jeggeschüler" bekannt, die, nun längst erwachsen, bereit gewesen wären, eidesstaatlich auszusagen.
Daniel Frei, Lupfig Donnerstag, 13.04.2017, 16:00
Guten Tag Frau Kazis, die Delikte von J. Jegge sind definitiv krass. Wie kann es sein, dass dieser Typ jahrelang ungeschoren herumlaufen kann? Ich gehe davon aus, dass die Verwandten, Bekannten der Geschädigten sicherlich was mitbekommen und dies zur Anzeige gebracht haben. Es stellt sich als die Frage, WO geschummelt wurde. Sehe Sie dies auch so? Vielen Dank für Ihre Rückmeldung.
Cornelia Kazis
Wenn Licht in das Dunkel eines Verbrechens kommt, sind verständlicherweise viele entsetzt und fragen sich : Wie konnte das nur passieren? Warum hat niemand etwas gemerkt? Im Nachhinein ist man immer klüger! Ich kann aus der Ferne nicht beurteilen, wer was hätte bemerken können. Aber das wird ja nun untersucht. Spät aber immerhin.
Susanne Gruber, Kriens Donnerstag, 13.04.2017, 16:04
Sind die Erkenntnisse von Jegge in Sachen Erziehung jetzt obsolet? Wie gross ist der Flurschaden in Sachen Reformpädagogik?
Cornelia Kazis
Reformpädagogik ist viel mehr als das was Jürg Jegge in seinem Bestseller "Dummheit ist lernbar" formuliert hat. Rousseau, Pestalozzi, Montessori, Steiner, auch sie waren Reformpädagogen. Viele Gedanken dieser "Schulerneuerer" sind längst in der staatlichen Schule angekommen. Dazu gehört vor allem die Individualisierung im Unterricht aber auch die Kunstpädagogik. Die Nähe zum Kind und seiner Persönlichkeit möchte niemand mehr missen. Nur eines ist klar: Die Nähe darf nicht sexuell sein. Das hat mit Prüderie nichts zu tun , sondern mit Kinderschutz.
Michael Winter, Zürich Donnerstag, 13.04.2017, 16:10
Haben Sie das Gefühl, wir sind jetzt weiter als vor 40 Jahren? Ich nämlich nicht wirklich.
Cornelia Kazis
Doch wir sind etwas weiter. Das Verbrechen an Kindern hat zwar leider noch nicht aufgehört. Aber es gibt Opferhilfe und - beratungsstellen in jedem Kanton. Jeder Seminarist und jede Pädagogikstudentin erfährt zudem in der Ausbildung etwas zum Thema. Die Psychotherapeutinnen und Psychiater sind fachlich vertiefter ausgebildet und auch die potentiellen Täter haben Anlaufstellen. Es gibt Präventionsliteratur und Sachbücher zum Thema. Das ist viel. Aber noch nicht genug. Die Sensibilisierung für das Thema muss weitergehen. Ihr hat Markus Zangger mit seinem Buch einen guten Schub gegeben.
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